DRUCKVERSION 22.01.2005

Ganztagsbetreuung - Wenn die Schüler Schlange stehen: ein Küchengehilfen-Erfahrungsbericht aus der Mensa

Optimas Zauberlehrling

VON PHILIPP FÖRDER

GOMARINGEN/NEHREN/DUSSLINGEN. Sie kommen. Kaum ist der Gong verhallt, schwillt der Lärmpegel an, bricht überfallartig herein, als die Tür aufgerissen wird. Schulranzen und Rucksäcke verschwinden unter den Tischen und in den Ecken. Sekunden später sind die ersten Schüler da, der Kopf einer Schlange, die wächst und wächst. Jetzt muss es schnell gehen. Eine große Portion oder eine kleine? Mit Fleisch oder vegetarisch? Sprudel oder Apfelschorle? Salat oder Nachtisch? Oder beides? Schokokuchen oder Apfelbrot? High noon auf dem Höhnisch - das Duell der Köche mit den Hungrigen.

Dabei hat der Tag so ruhig angefangen. Um 8 Uhr ist Arbeitsbeginn für die Kochgruppe von Ingrid Kloker-Münch in der Mensa des Schulzentrum Steinlach-Wiesaz. Doch der Duft von gebratenen Zwiebeln, der uns empfängt, verrät: Einer ist hier schon am Schaffen. Konrad Münch muss heute früher weg. Deshalb hat der Wankheimer, im richtigen Arbeitsleben stellvertretender Leiter des Referats Gentechnik beim Regierungspräsidium, schon mal losgelegt.

Während die Zwiebeln in der Kombi-Bratpfanne von den Ausmaßen einer Kinder-Badewanne dünsten, ziehen wir uns um. Die erste Aufgabe für den neuen Küchengehilfen: Dosen öffnen. Dosen ist gut. Tonnen wäre besser. Was aussieht wie eine fest installierte Bohrmaschine entpuppt sich als Öffner. Also reingerammt den Sporn in den Deckel, dass der Tisch bebt. Und gekurbelt, was der Arm hält.

Löffel-Wechsel an der Pfanne

Daniela Geywitz steht zum ersten Mal in der Mensa-Küche. Sie kann nur bis um 12 Uhr bleiben, möchte aber auf jeden Fall mitmachen: »Der Gedanke hat mich nicht losgelassen, seit ich davon gehört habe.« So hat der Mensa-Dienst auch für Ingrid Kloker-Münch angefangen. Die 48-jährige Realschul-Lehrerin hat 20 Jahre in Neckartenzlingen unterrichtet, wo ebenfalls Eltern in der Schulmensa kochen. »Zehn Jahre habe ich das erlebt«, erzählt sie. »Deshalb will ich mein Wissen hier einbringen.« An ihrem freien Tag.

Rund 90 Köchinnen und Köche und ebenso viele Bäckerinnen, die Kuchen spenden, sind mittlerweile auf dem Höhnisch im Einsatz. Das reicht knapp. Waren zunächst nur zwei Kochtage pro Woche vorgesehen, wurde ein dritter notwendig, weil das Programm der Bundesregierung drei Tage Ganztagsbetreuung verlangte als Voraussetzung für eine Portion aus den Zuschusstöpfen. »Im Moment geben wir montags 160 Hauptessen aus, dienstags etwa 260 und donnerstags bis zu 350«, berichtet Anne Kleine-Ebel, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins.

»Ich muss jetzt weg, mach du mal weiter«, sagt Konrad Münch. Urplötzlich bin ich Herr über den Kochlöffel und die Tomatensoße. Die Tragweite des Wechsels an der Kombi-Pfanne wird mir erst allmählich bewusst. Schwäbische Lasagne gibt es als Hauptgericht: Maultaschen, mit Tomatensoße und Käse überbacken.

Richtig rechnen hilft

In der Erkenntnis, dass das Gelingen der Tomatensoße ein nicht unerheblicher Faktor für die Stimmung beim Mittagessen und den Rest des Schultags sein wird, fällt mir der Cartoon ein, der im Umkleideraum hängt. »Falls ich's überlebe«, sagt Hägar der Schreckliche, »behaltet mich in gutem Andenken und vergesst nicht, ich sah dem Tod ins Auge, ohne zu zucken.« Und seine Frau antwortet: »Halt jetzt den Mund und iss deinen Leberauflauf.«

Also volle Konzentration. Von allem ein Drittel mehr als im Rezept, das für »nur« 300 Portionen berechnet ist. Ein Drittel mehr. Völlig unpassend wäre es jetzt, über die Mathe-Fünf im Abi und die Gerechtigkeit der Schulnoten nachzudenken. Kopfrechnerisch ermittelt macht das ungefähr zweieinhalb Kilogramm Tomatenmark. Gut dreizehn Esslöffel Oregano. Und 400 Gramm Salz. 400 Gramm Salz? Ist Mathematik wirklich eine präzise Wissenschaft? Tief durchatmen und rein damit.

Wo der Knopf am Gasherd daheim eine Entscheidung zwischen 1 und 6 verlangt, erwartet die Elektro-Magnumpfanne Optima andere Anweisungen. Mittleres Wallen? Oder starkes Wallen? Der schreckliche Hägar wird von Goethes Zauberlehrling verdrängt. Walle, walle . . . die Geister, die ich rief, sind glücklicherweise gestandene Hausfrauen, die der Soße ihren Segen geben.

Nachschlag abgeschafft

Gelassen werkeln derweil die anderen Frauen an der Vollendung des Menüs, das Ingrid Kloker-Münch mit blauer Farbe ans Fenster geschrieben hat: Buchstabensuppe mit einer Gemüsebrühe aus Lauch, Petersilienwurzel, Sellerie, Karottenschalen und Zwiebeln für einen Euro, schwäbische Lasagne für einsfünfzig, gemischter Salat groß oder klein und »falsches Spiegelei« als Dessert.

Neben der Preisliste an der Theke hängt eine weitere Mitteilung: »Leider können wir euch aus kalkulatorischen Gründen keinen Nachschlag mehr anbieten«. Ganz Clevere haben zu Beginn ein Hauptgericht gekauft und über drei, vier Nachschläge ihre Kumpels mitversorgt. Das geht nicht mehr.

Stress an der Spülmaschine

Kostenlos dürfen dagegen die Schüler vom Mensadienst essen. Simone Knoblich aus der 12c ist an diesem Tag dran. Tische abputzen, dafür sorgen, dass das Geschirr zurückkommt - sie hilft gern: »Die SMV hat gefragt, da habe ich mich gemeldet. Ich finde es toll, dass die Eltern das für uns machen.«

Kurz vor eins kommt der zweite große Ansturm. Weil die Ausstattung mit Geschirr knapp ist, steht Rita Schneck an der Spülmaschine im Dauerstress. Gegen halb zwei sind rund 350 Hauptgerichte mit fast tausend Maultaschen verkauft, der Salat ist aus. Allmählich finden die Köchinnen selbst Zeit zum Essen, bevor der unangenehmste Teil des Einsatzes beginnt: putzen.

Die Belohnung gab's schon vorher aus Schülermund: »Das schmeckt alles so gut. Supergeil.« Wir glauben es ihm. Für die Essensreste von den Tellern reicht ein Eimer. (GEA)


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