DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)- AKTUELL
April 2001
MEMORANDUM

Der Beitrag der Eltern zur Bildungsoffensive


Deutschland braucht eine Offensive zur Steigerung der Bildungsqualität an allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen. Insofern werden die Diskussionen um die Erhöhung der schulischen Anforderungen, um die Stärkung der Inhalte, um neue unterrichtsdidaktische Konzepte, um die Einführung von repräsentativen schulischen Leistungstests sowie um eine Modernisierung der Lehrerbildung zu Recht geführt.

Im Zuge dieser Diskussionen wird freilich ein maßgeblicher Faktor vernachlässigt: die Rolle der Elternhäuser bei der Stabilisierung bzw. Steigerung des Anspruchs schulischer Bildung. Schule kann nicht aus sich allein heraus eine Steigerung des Bildungsanspruchs erzielen, wenn sich immer mehr Eltern aus ihrer erzieherischen Verantwortung verabschieden.

Nach wie vor nimmt der größte Teil der Elternschaft die erzieherische Verantwortung des Elternhauses sehr ernst. Es ist in den Schulen auch sehr wohl bekannt, dass häusliche Erziehung heute vielfach unter erschwerten Bedingungen stattfinden muss. Zugleich aber kommen vermehrt die Ergebnisse familiärer Erziehungsdefizite in der Schule an. Wenn aber der Anteil der Eltern, die ureigene erzieherische Aufgaben an die Schule delegieren oder die aus Gründen der Bequemlichkeit auf erzieherische Einflussnahme verzichten, größer wird, dann hat die Schule keine Chance, Bildungsqualität zu sichern oder gar zu verbessern. Schulerfolg kommt schließlich nicht nur aus dem Klassenzimmer, sondern er braucht eine entsprechende familiäre Atmosphäre.

Das heißt: Bildungsoffensiven sind nur denkbar, wenn sie von den Eltern der Schüler durch aktives Erziehen zu Hause mitgetragen werden. Wenn die häusliche Vorbereitung der Schüler nicht „klappt“, dann „klappt“ es auch in der Schule nicht.

Entsprechend mitzuwirken, muss im ureigenen Interesse der Eltern liegen. Darüber hinaus sind Eltern verpflichtet, erzieherisch Einfluss auf ihre Kinder zu nehmen: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ (Grundgesetz Artikel 6).

Elterliche Erziehung und elterliches Vorbild sind wesentliche Grundlagen für schulischen Erfolg. Dies gilt zunächst für die Wahl einer individuell passenden Schullaufbahn, ohne die Heranwachsende nicht angemessen herausgefordert und gefördert werden können. Außerdem hilft es Kindern und Jugendlichen, wenn die Eltern an sie hinsichtlich schulischer Leistung realistische Erwartungen haben: Eltern sollen ihre Kinder nicht über- und nicht unterschätzen. Lernen hat darüber hinaus mit Tätigkeit und mit Anstrengung, aber sehr wenig mit Unterhaltung oder Konsum zu tun. Deshalb ist ein Erziehen durch ein "In-Anspruch-Nehmen" (Spranger) junger Menschen zu wünschen. Wenn junge Menschen nicht herausgefordert werden, dann langweilen sie sich. Langeweile aber macht unberechenbar und nicht selten aggressiv.

Eine weitere Grundlage für schulischen Erfolg ist das häusliche „Bildungsklima“. Eltern, die ihre Kinder fordern und fördern, die aufgeschlossen für schulische Fragen sind, die viel über vieles mit ihren Kindern sprechen, die selbst viele Bücher und Zeitungen lesen, werden ihre Kinder nachhaltiger positiv prägen als Eltern, die Bildungsangelegenheiten ausschließlich an die Schule delegieren.

Leistungsfördernde Maßnahmen im Elternhaus

Das Einlösen selbstverständlicher Erziehungsgrundsätze ist heutzutage schwierig. Die Schulen müssen dafür Verständnis aufbringen, wenn die häusliche Erziehung etwa in unvollständigen Familien stattfinden oder permanent gegen zweifelhafte mediale Vorbilder angehen muss. An Eltern bzw. Erziehungsberechtigte geht dennoch der Appell, die folgenden Empfehlungen zu beherzigen. Zugleich ist es ratsam, dass sich Eltern mit zunehmendem Alter ihrer Kinder allmählich zurücknehmen, wenn das Kind fortschreitend eigenverantwortlich handeln kann.
 
1. Eltern sollen dafür sorgen, dass ein Kind für die Hausarbeiten und für das Lernen feste Arbeits- und Lerngewohnheiten entwickelt. Dazu gehören 
- feste häusliche Arbeitszeiten, 
- ein passender Arbeitsplatz, 
- die Verfügbarkeit aller benötigten Lern- und Arbeitsmittel.
2. Eltern sollen sich ein Bild davon machen, welche Hausaufgaben ein Kind zu erledigen hat und welche Leistungserhebungen anstehen. Mit zunehmendem Alter sollen die Kinder dabei zu Hause immer weniger überprüft bzw. verbessert werden. Es geht auch nicht darum, dass Kinder am folgenden Schultag absolut richtige Aufgaben vorlegen; Lehrern ist es wichtig zu sehen, wo die Kinder bei den Hausaufgaben Fehler machen bzw. Probleme haben.
3. Eltern sollen dafür sorgen, dass sich ihre Kinder bereits am Vortag den Stundenplan des Folgetages vergegenwärtigen, um sich sowohl entsprechend vorbereiten als auch die Schultasche vollständig packen zu können.
4. Eltern sollen auch in höheren Jahrgangsstufen auf regelmäßigen Schulbesuch Wert legen und verhindern, dass die Kinder ohne gravierenden Grund der Schule fernbleiben. Eine großzügige Praxis von - manchmal vorgeschützten - Entschuldigungen für schulische Absenzen führt bei vielen Schülern zu kumulativen Wissensdefiziten.
5. Eltern sollen für ihre Kinder für einen Ausgleich zum Lernen und Arbeiten sorgen; dieser Ausgleich erfolgt am besten durch Bewegung, Sport und Spiel sowie durch kulturelle Anregungen. In diesem Sinne sollen Eltern auch dann noch auf ihre Kinder Einfluss nehmen, wenn diese als Jugendliche bereits sehr eigenständige Interessen haben. Eltern sollen zugleich darauf achten, dass das Freizeitverhalten und der Medienkonsum nicht zur Belastung oder gar zum Stress werden.
6. Grundsätzlich muss die Schule Priorität vor Freizeit- oder Jobinteressen haben. Schüler, die während der Schulmonate einem Job nachgehen, haben entweder ein falsches Verständnis von Schule oder ein falsches Konsumverhalten.
7. Eltern müssen darauf achten, dass ihre Kinder eine physiologisch sinnvolle Ernährung genießen können und über genügend Schlaf verfügen.
8. Eltern sollten sich von der Illusion frei machen, Nachhilfe sei ein Allheilmittel. Die Ursachen schulischer Misserfolge liegen zumeist außerhalb des Bereiches, den die Nachhilfe erfassen kann.

Zusammenwirken von Elternhaus und Schule

Elternhaus und Schule sind Partner in der Erziehung. Im Rahmen einer solchen Erziehungspartnerschaft müssen sich beide klarmachen, wer was zu machen hat und wer was besser kann. Die Aufgabe der Schule, vor allem der weiterführenden Schule, umfasst hauptsächlich Bildung, die Aufgabe der Eltern vor allem – auch als Voraussetzung für Bildung - das Erzieherische. Im Detail heißt das:
 
1. Eltern dürfen der Schule keine Aufgaben zuweisen, die sie nicht originär und allein leisten kann (Frei-zeit-, Konsum-, Medien-, Gesundheits- oder Umwelterziehung). Gleichwohl hat die Schule die Aufgabe, hier flankierend tätig zu sein. Gerade für die Schule aber gilt, dass Erziehung ein "begrenzt planbares Unternehmen" ist (Karl Jaspers). Schule hat in erster Linie einen Bildungs- und Unterrichtsauftrag, der nach Schulformen differenziert ist und den Eltern kennen sowie anerkennen sollten. Ein umfassender Erziehungsauftrag der Schule ist unrealistisch. 
2. Zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus gehört es, dass die Schule die Erziehungsberechtigten über die Entwicklung der Schüler auf dem Laufenden hält. Eltern ihrerseits sind aufgefordert, den regelmäßigen Kontakt zur Schule zu halten und beispielsweise Sprechstunden oder Elternabende zu besuchen.
3. Vertrauensvoll zu kooperieren heißt: Wechselseitige, substanzlose Schuldzuweisungen müssen unterbleiben. Eltern sollten ansonsten schulische Hinweise bzw. Sanktionen ernst nehmen und nicht unterminieren. Dies gilt auch für die schulische Notengebung; auch diese sollten die Eltern nicht ohne Grund in Zweifel ziehen. Ein Unterminieren der Autorität und der Professionalität der Lehrer durch Eltern belastet zugleich die Bereitschaft der jungen Menschen zur Anstrengung und zur Übernahme von Eigenverantwortung.
4. Undiszipliniertes Verhalten von Schülern beeinträchtigt den Bildungsauftrag der Schule ungemein. Eltern haben also im Interesse ihrer eigenen Kinder und im Interesse der anderen Schüler die Pflicht, dafür zu sorgen, dass sich ihre Kinder ein Sozialverhalten und Sprachniveau aneignen, das ein konstruktives Arbeiten in der Schule erst ermöglicht. 


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