| DEUTSCHER
LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Aus
dem RHEINISCHEN MERKUR vom 20. April 2001
ERZIEHUNG
/ Bildungsoffensiven brauchen die Mitarbeit der Eltern
Nur
Cola im Bauch
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Nicht
allein die Lehrer sind für den Schulerfolg verantwortlich. Es kommt
sehr darauf an, welche Kinderstube ein Schüler genossen hat.
Dreißig Jahre nach
einer zu Recht umstrittenen Bildungsreformeuphorie beben Schulpolitik und
Schulpädagogik erneut vor lauter gutem Willen. Alles an Schule müsse
anders werden, so vernimmt man: Die Lehrpläne sollen endlich „entrümpelt“,
die „Schlüsselqualifikationen“ forciert vermittelt, der Unterricht
neu rhythmisiert, der „starre“ Fächerkanon radikal aufgebrochen, gar
Schulranzen durch Laptops ersetzt werden.
Dieser schönen neuen
Schulwelt stehen Realitäten gegenüber, die beileibe keine Raritäten
sind: Elfjährige, die morgens mit nichts außer Cola im Bauch
in die Schule kommen; Zwölfjährige, die wöchentlich fünfmal
die Hausaufgabe „vergessen“; Dreizehnjährige, die von ihren Eltern
für eine Woche „krank“ geschrieben werden, weil das Ticket in die
Karibik dann um 400 Mark billiger ist; Vierzehnjährige, die das Englischbuch
verschlampt und selbst nach acht Wochen kein Ersatzbuch beschafft haben;
Fünfzehnjährige, die keinen Werktag vor Mitternacht zu Hause
sind; Sechzehnjährige, die den ganzen Montag wegen des Open-Air-Festivals
vom Wochenende ausschlafen; Siebzehnjährige, die zur Finanzierung
von Handy und Designerjacke mehr Zeit beim Jobben an der Tankstelle verbringen
als am häuslichen Schreibtisch; Achtzehnjährige, die ihre Volljährigkeit
dazu nutzen, sich pro Quartal per eigene Unterschrift an die sechzig Freistunden
zu gönnen; Eltern die völlig unkritisch wie Glucken über
solchen Kindern sitzen, die aber bereits bei einer Vier in einem Extemporale
die Schulaufsicht bemühen oder zumindest ständig auf der Suche
beispielsweise nach einem Legasthenie-Attest sind, um für das Kind
noch mehr herauszuholen.
Keiner braucht Prophet zu
sein, um zu vermuten, dass kein noch so heftiges schulpolitisches Hyperaktivitätssyndrom
daran viel ändern, geschweige denn etwas bewirken wird. Die deutschen
Schulen werden im internationalen Vergleich um keinen Rangplatz besser
abschneiden, wenn sich die Debatte um Bildungsoffensiven immer nur an die
Schule richtet, die Eltern der Schüler jedoch stets außen vor
bleiben. Die Schule kann nicht aus sich allein heraus eine Steigerung des
Bildungsanspruchs erzielen, wenn sich immer mehr Eltern aus ihrer erzieherischen
Verantwortung verabschieden. Der sprichwörtliche Mann von der Straße
weiß das. Laut aktueller Umfrage des Meinungsforschungsinstituts
Data-Konzept äußerten 72 Prozent der 1010 Befragten die Meinung,
dass Eltern ihre Kinder nicht genügend erzögen; 67 Prozent waren
der Auffassung, dass die Eltern die Lehrer bei ihrer Arbeit zu wenig unterstützten.
Ob auch die Mehrheit der Schulminister und Erziehungswissenschaftler das
verstanden hat?
Nach wie vor nimmt der größte
Teil der Elternschaft die erzieherische Verantwortung des Elternhauses
ernst. Es ist zudem wohlbekannt, dass häusliche Erziehung heute vielfach
unter erschwerten Bedingungen stattfinden muss. Zugleich aber kommen vermehrt
die Ergebnisse familiärer Erziehungsdefizite in der Schule an. Vor
allem müssen sich die Schulen tagtäglich in Hunderttausenden
von Fällen herumschlagen mit Schülerinnen und Schülern,
die weder im Unterricht mitarbeiten, noch die benötigten Materialien
mitbringen, noch zu Hause einen Finger krumm machen für den nachfolgenden
Schultag.
Platz zum Lernen
Ganz Beflissene werden die
Schuld bei den Schulen sehen; letztere seien wohl nicht willens, „demotivierte“
Kids zu motivieren. Das ist Augenwischerei. Wenn der Anteil der Eltern,
die ureigene Aufgaben an die Schule delegieren oder die aus Gründen
der Bequemlichkeit auf erzieherische Einflussnahme verzichten, immer größer
wird, dann hat die Schule keine Chance, die Bildungsqualität zu verbessern.
Schulerfolg kommt schließlich nicht nur aus dem Klassenzimmer, sondern
er braucht eine entsprechende familiäre Atmosphäre. Deshalb ist
es für die Lehrerschaft ein Horror zu erleben, wenn manche Eltern
sogar zehn und mehr schriftliche Mahnungen der Schule abschütteln
und ihre Kinder tags darauf wieder ohne erledigte Mathe- oder Englischaufgabe
in die Schule kommen.
Bildungsoffensiven sind eben
nur denkbar, wenn sie von den Eltern der Schüler durch aktives Erziehen
mitgetragen werden. Wenn die häusliche Vorbereitung der Schüler
nicht „klappt“, dann „klappt“ es in der Schule nicht. Dabei wären
Eltern sehr wohl gehalten, Einfluss auf ihre Kinder zu nehmen: „Pflege
und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und
die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ (Grundgesetz Artikel 6).
Die Schulgesetze einiger Bundesländer spezifizieren dies mit Blick
auf Schule. So heißt es im Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz
in Artikel 76: „Die Erziehungsberechtigten sind verpflichtet, um die gewissenhafte
Erfüllung der schulischen Pflichten und der von der Schule gestellten
Anforderungen durch die Schüler besorgt zu sein und die Erziehungsarbeit
der Schule zu unterstützen.“
Unnötige
Nachhilfe
Elterliche Erziehung sind
und bleiben die wesentlichen Grundlagen für schulischen Erfolg. Dies
gilt übrigens bereits für die Wahl einer passenden Schullaufbahn,
ohne die Heranwachsende nicht angemessen gefördert werden. Und Eltern
sollten verinnerlichen, dass Lernen mit Tätigkeit und Anstrengung,
weniger mit Unterhaltung oder Konsum zu tun hat.
Das Einlösen selbstverständlicher
Erziehungsgrundsätze ist leider schwierig geworden. Die Schulen bringen,
weiß Gott, viel Verständnis auf, wenn die häusliche Erziehung
in unvollständigen Familien stattfinden oder permanent gegen zweifelhafte
mediale Vorbilder angehen muss. Eltern brauchen zudem nicht zu Nachhilfelehrern
der Nation zu mutieren oder in der Volkshochschule Latein- oder Mathe-Kurse
zu belegen, um den Sohn oder die Tochter zum Schulabschluss zu bringen.
Und Eltern müssen nicht auf das vermeintliche Allheilmittel der Nachhilfe
ausweichen und unnötiges Geld in vierstelliger Summe investieren.
Schulpädagogische Höhenflüge
indes bewirken nichts. So trivial es sein mag: Eltern sollten in erster
Linie dafür sorgen, dass ein Kind für die Hausarbeiten und für
das Lernen Gewohnheiten entwickelt. Dazu gehören feste häusliche
Arbeitszeiten und ein passender Arbeitsplatz mit allen benötigten
Arbeitsmitteln. Dazu gehört, dass sich die Kinder am Vortag den Stundenplan
des Folgetages vergegenwärtigen, um wenigstens die Schultasche vollständig
packen zu können. Eltern sollen sich zudem wenigstens bis zur achten
Jahrgangsstufe regelmäßig ein Bild davon machen, welche Hausaufgaben
ein Kind zu erledigen hat und welche Leistungserhebungen anstehen.
Beinahe noch trivialer, aber
längst nicht mehr selbstverständlich: Eltern müssen darauf
achten, dass ihre Kinder eine sinnvolle Ernährung haben. Schulsekretärinnen
wissen ein Lied davon zu singen, wie viele Schülerinnen und Schüler
sich bereits um acht Uhr ins Erste-Hilfe-Zimmer der Schule legen möchten,
weil ihnen schlecht ist. Tatsächlich hat die Hälfte dieser „Kranken“
nicht gefrühstückt.
Grundsätzlich muss die
Schule Priorität vor Freizeit- oder Jobinteressen haben. Clevere Eltern
sorgen zwar durchaus für einen Ausgleich zum Lernen und Arbeiten durch
Bewegung, Sport und Spiel sowie durch kulturelle Anregungen. Sie achten
zugleich darauf, dass das Freizeitverhalten und der Medienkonsum nicht
zum Stress werden.
Elternhaus und Schule sind
Partner in der Erziehung. Im Rahmen einer solchen Erziehungspartnerschaft
müssen sich beide ehrlich klarmachen, wer was zu machen hat und wer
was besser kann. Die Aufgabe der Schule, vor allem der weiterführenden
Schule, umfasst hauptsächlich Bildung, die Aufgabe der Eltern – auch
als Voraussetzung für Bildung - das Erzieherische. An erster Stelle
heißt das: Eltern dürfen der Schule keine Aufgaben zuweisen,
die sie nicht originär und nicht allein leisten kann (Freizeit-, Konsum-,
Medien-, Gesundheits- oder Umwelterziehung). Jeder hypertrophe schulische
Erziehungsanspruch aber belastet die originäre Aufgabe der Schulen,
nämlich deren Bildungsaufgabe.
Ehrliche Partner
Partnerschaftlich zu kooperieren
heißt sodann: Wechselseitige substanzlose Schuldzuweisungen zwischen
Eltern und Lehrern müssen unterbleiben. Eltern sollten schulische
Hinweise bzw. Entscheidungen ernst nehmen und nicht ohne Grund in Zweifel
ziehen. Beispiel: die schulische Notengebung. Ein Unterminieren der Professionalität
der Lehrer durch Eltern belastet nämlich die Bereitschaft der jungen
Menschen zur Anstrengung und zur Übernahme von Eigenverantwortung.
Anderes Beispiel: Rüpeleien. Solches Verhalten von Schülern beeinträchtigt
den Bildungsauftrag der Schule ungemein. Eltern haben also im Interesse
ihrer eigenen Kinder und im Interesse der anderen Schüler die Pflicht,
dafür zu sorgen, dass sich ihre Kinder ein Sozialverhalten und ein
Sprachniveau aneignen, das ein Arbeiten in der Schule erst ermöglicht.
Nicht nur die Schule ist
beim Schulerfolg entscheidend. Wahrscheinlich kommt es sogar noch mehr
darauf an, welche Kinderstube die Schüler erlebt haben. Man kann Eltern
zu dieser Einsicht nicht zwingen, weder mit Hilfe des Jugendamtes noch
mit Hausbesuchen der Lehrer. Aber man kann diese Einsicht immer wieder
unters Volk bringen. Man muss es auch, denn sonst bleiben alle Bildungsoffensiven
auf Sand gebaut.
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