Aus dem Schwäbischen Tagblatt vom 03.09.2003

Am Anfang hatte die Familie Avdijaj nur Pech

Das gekaufte Haus taugt nichts, doch der Neubau kommt voran und die Kinder besuchen die Schule

GOMARINGEN (slo). Die Gomaringer Familie Avdijaj, die Ende Juli Deutschland verlassen und in den Kosovo ausreisen musste, hatte kaum die deutsche Grenze hinter sich, da lief auch schon alles schief, was nur schieflaufen konnte. Inzwischen geht es der Familie aber „ganz gut", wie die 14-jährige Elvira gestern am Telefon sagte.

Es fing schon in der Schweiz an. An der Grenze wurde der mit der Habe der Familie Avdijaj voll gepackte Lastwagen gewogen und erwies sich als zu schwer. Was eigentlich der Zoll in Tübingen schon hätte feststellen müssen, doch der hatte den Transporter nicht gewogen. Jedenfalls war eine saftige Strafe fällig: 600 Franken (400 Euro) musste die Familie zahlen, durfte dann aber trotz Übergewicht weiter fahren.

Sie kam bis Bari. Dort wollte sie mit ihrem Auto und dem Lastwagen auf einer Fähre nach Albanien übersetzen. Zwei Tage lang warteten die fünfköpfige Familie und der Lastwagenfahrer, bis sie endlich Tickets bekamen. Die kosteten dann doppelt so viel wie Waltraud Klett im Internet recherchiert hatte. Dazu kam, dass Albanien dem Lastwagenfahrer die Durchfahrt verweigerte und er mit der Fähre nach Kroatien musste, um in den Kosovo zu gelangen. An der Grenze sollte er dann für die Einfuhr des Hausrats 1000 Euro Zoll bezahlen. Es gelang ihm aber, den Zöllner auf 150 Euro und das Handy von Isen Avdijaj herunterzuhandeln. Nach fünf Tagen Reise waren schließlich alle bei Isen Avdijajs Schwester angelangt, wo auch deren pflegebedürftige Mutter Nusha lebt, die bisher ebenfalls in Gomaringen war.

Der nächste Flop war der Geldtransfer. Der Unterstützerkreis hatte den größten Teil des Spendengeldes über das Diakonische Werk in den Kosovo geschickt, wo Isen Avdijaj es in einem Kloster abholen sollte. Aber das Geld war nicht da. Dutzende Telefonate und Tage später hatte die Familie es endlich zur Verfügung und kaufte das Haus.

„Als wir dann anfingen, es weiter zu bauen, zerbröselte der Boden und die Mauersteine fielen heraus", erzählte Elvira. Zehn Jahre lang hatte der Rohbau ohne Fenster und Türen auf dem Sandboden gestanden, und die Witterung hatte dem Haus arg zugesetzt. Das offenbar hatte der Gutachter, der das Haus angeschaut hatte, nicht erkannt. Dem Unterstützerkreis und der Familie Avdijaj hatte er mitgeteilt, es sei in einem guten Zustand.

Das Geld bekam die Familie vom Verkäufer nicht zurück, stattdessen gab er ihnen ein wesentlich größeres Grundstück. „Das war gut", findet Elvira, „denn Grundstücke gibt es eigentlich nicht und wir hätten für dieses Geld nie eins bekommen." Immerhin kann die Familie die meisten Steine und alle Ziegel des alten Hauses für ihren Neubau verwenden, und der kommt ganz gut voran. Das Fundament ist gelegt, der Betonsockel steht ebenfalls, „jetzt wird gemauert", so Elvira. Ein kleines Drei-Zimmer-Haus gibt es, und wenn alles gut läuft, ist es in zwei Monaten fertig. MUSS es auch, denn spätestens dann ist es bitter kalt.

Jedoch: Es läuft nicht alles gut. Wegen der Zollkosten, der hohen Strafe in der Schweiz und den teuren Fährentickets hat die Familie kaum noch Geld. Dazu kommt, dass sie Miete zahlen muss. Bei der Schwester von Isen Avdijaj konnte sie nicht bleiben, das Haus ist viel zu klein für alle, außerdem ist es zu weit weg vom Dorf. Also zog die Familie in eine Zwei-Zimmer-Wohnung ohne Strom, ohne Klo und ohne Wasser. „Daran haben wir uns gewöhnt", meinte Elvira gestern. Aber die beiden Zimmer kosten 50 Euro Miete im Monat. Jetzt hat die Familie gerade noch 500 Euro. Das reicht für die Miete und das Essen im September und vielleicht auch noch Oktober, nicht aber für Baumaterial wie Zement oder Isoliermaterial.

Auf dem Konto des Unterstützerkreises ist noch etwas Geld, das nun überwiesen wird. Trotzdem bittet der Kreis um weitere Spenden, vor allem um Daueraufträge auch noch so kleiner Summen, damit der tägliche Bedarf gedeckt werden kann. Denn mit einem Arbeitsplatz für Isen und Dzevahire Avdijaj sieht es schlecht aus.

Aber es gibt auch gute Nachrichten von der Familie. Die Kinder Elvira, Elvir und Edvin haben alle mit der Schule begonnen. Die beiden Jungs besuchen die Elementarschule im Ort, Elvira geht in die neunte und damit die erste Klasse der weiterführenden Schule in der nächsten Kleinstadt, die acht Kilometer entfernt ist. Allerdings hatte sie noch gar keinen Unterricht, weil die Lehrer zur Zeit für höhere Löhne demonstrieren. Dafür aber hat Elvira eine Freundin gefunden: Die Tochter der Nachbarn ist ebenfalls 14 Jahre alt und war bisher auf einer anderen Schule angemeldet. Gestern hat sie sich auf Elviras Schule eingeschrieben, damit sie mit der Neubürgerin gemeinsam in eine Klasse gehen kann.

Überhaupt: „Die Leute hier im Dorf sind alle sehr nett, es ist alles besser als wir geglaubt haben", sagt Elvira. Die Familie bekommt immer wieder Obst oder Milch geschenkt, man interessiert sich für sie und hilft ihnen. Die Kinder haben alle schon Freunde gefunden. Allerdings ohne ihre Freunde in Gomaringen vergessen zu haben. Elvira: „Heimweh habe ich schon sehr."

INFO  Wer die Familie unterstützen möchte, kann Spenden auf das Konto „Unterstützerkreis Avdijaj, Nr. 25707000, oder, wenn eine Spendenbescheinigung gewünscht wird, auf das Konto der ev. Kirchengemeinde Nr. 17000, Stichwort „Flüchtlingsarbeit" überweisen. Beide Konten sind bei der Volksbank Steinlach-Wiesaz, BLZ 64061854.