Aus dem Schwäbischen Tagblatt vom 17.10.2003

In der Schule wird geschlagen

Elvira Avdijaj schrieb aus dem Kosovo nach Gomaringen

GOMARINGEN (slo). „Uns geht es ganz ok", schreibt die 15-jährige Elvira Avdijaj aus dem Kosovo, wohin sie mit ihren Eltern Isen und Dzevahire und ihren beiden Brüdern Elvir und Edvin ausreisen musste. Doch besser als „ganz ok" geht es der Familie nicht.

Es ist der erste Brief von Elvira Avdijaj, den deren frühere Lehrerin an der Schlossschule Gomaringen Waltraud Klett bekam. Nicht, weil Elvira schreibfaul wäre: „Es gibt dort keine Post", sagt Klett. So ist Elvira zum Flughafen gereist und hat den Brief einem Reisenden in die Hand gedrückt, der ihn in Deutschland einwarf.

Nach einem Reisetagebuch folgt ein kurzes Schreiben: „Mit der Schule geht es einigermaßen. Wir schreiben hier sehr viel und müssen das dann auswendig lernen. Die Lehrer schlagen die Schüler. Elvir hat schon Schläge bekommen, nur weil er kein weißes Hemd dabei hatte für den Sportunterricht", berichtet die 15-Jährige.

Waltraud Klett weiß aus mehreren Telefonaten mit Elvira, dass vor allem der zehnjährige Elvir leidet. „Er kann die Sprache nicht so gut, hat Probleme in der Schule deswegen, und er konnte sich bisher nicht so richtig umstellen", sagt Klett. Gute Nachrichten gibt es dagegen über die Eltern. Der Vater Isen Avdijaj kann ein wenig Geld verdienen mit Lastwagenfahrten, die Mutter macht immer wieder Nachtwachen in einer Klinik.

Der Hausbau scheint Fortschritte zu machen. Elvira: „Mit den Wänden sind wir fertig." Zur Zeit lebt die Familie in einem gemieteten Haus in der Nähe ihrer Baustelle, und die positiv eingestellte Elvira bezeichnet auch dieses Haus als „ok". Doch eine Toilette gibt es nicht, ebenso kein fließendes Wasser. „Die Wände fallen ab und die Böden haben Löcher", berichtet sie sachlich.

Waltraud Klett bezeichnet die Situation der Avdijajs als „schlimm". Obwohl die Familie, wie sie sagt, auch viel Glück hatte - dank der Spenden der Gomaringer. „Da sind 24000 Euro zusammengekommen, das ist großartig", sagt sie. Dennoch: „Dass sie gehen mussten, verstehe ich nach wie vor nicht. Ich finde es ungerecht und unnötig."

Nach wie vor brauche die Familie Geld, denn das Grundstück und das Haus, das sich dann als unbrauchbar erwiesen hat, haben allein schon 17000 Euro gekostet. Mit dem Material des alten Hauses baut die Familie, wie berichtete, nun ein neues. Teuer war auch die Reise in den Kosovo, zudem hat die Familie von den Spenden gelebt.

Der Unterstützerkreis setzt sich weiterhin für die Familie Avdijaj ein und möchte auch eine Partnerschaft aufbauen zwischen der Schlossschule und der Schule, die Elvira und Elvir besuchen. „Wir könnten uns hier um gebrauchte Computer kümmern und sie in den Kosovo an die Schule schicken", stellt sich Waltraud Klett vor, die sich davon eine bessere Integration der Kinder verspricht und zudem den Mitschülern helfen möchte.

Beim Weihnachtsmarkt in Gomaringen hat der Unterstützerkreis einen Stand, bei dem auch die ehemaligen Mitschüler von Elvira helfen wollen. Und im Frühling wollen einige Unterstützer, darunter auch Waltraud Klett, die Familie im Kosovo besuchen.

INFO Wer die Familie unterstützen möchte, kann Spenden auf das Konto 25707000, Kennwort „Unterstützerkreis Avdijaj", oder, falls eine Spendenbescheinigung gewünscht wird, auf das Konto der evangelischen Kirchengemeinde Nr. 17000, Kennwort „Flüchtlingsarbeit" überweisen. Beide Konten sind bei der Volksbank Steinlach-Wiesaz, BLZ 64061854.