Aus der Südwestpresse vom 10.04.2003
KLAUS VESTEWIG
ULM • Erstaunliches hat sich 1993 an der Friedrich-Ebert-Grundschule im hessischen Bad Homburg zugetragen. Das Geschrei war groß, gerade ältere Lehrer protestierten vehement, einzelne Fächer fühlten sich zurückgesetzt. Der Grund der Auseinandersetzungen: Bundesweit einzigartig wurde, für alle Schüler bindend, die tägliche Sportstunde eingeführt. Die Konsequenzen des wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekts verblüfften alsbald das Lehrerkollegium.
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| Vertrauen und gegenseitige Akzeptanz entwickeln: Schulsport ist ein ideales Feld für soziales Lernen. FOTO: Archiv |
Die Aggression unter den Schülern ging nämlich deutlich zurück, sichtbar auch an weniger Raufereien auf dem Schulhof. Überdies registrierten die Wissenschaftler weniger Unfälle und Verletzungen im Unterricht. Die Konzentrationsfähigkeit der Kinder nahm zu, ja nach Aussagen der Lehrer konnten dank besserer Noten 15 Prozent mehr Schüler fürs Gymnasium empfohlen werden als vorher. Bemerkenswert war auch, wie sehr sich gerade übergewichtige und körperlich ungeschickte Kinder im Sportunterricht steigerten. Ein Beispiel, wie Bewegung die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern zu verbessern vermag. Die Erkenntnis hat inzwischen in etliche Kultusministerien, auch in Baden-Württemberg, Einzug gehalten. Zwischen Anspruch und Verwirklichung besteht freilich noch eine riesige Diskrepanz.
Dr. Renate Zimmer, Professorin für Sportpädagogik an der Universität Osnabrück, beschreibt das Dilemma: „Nach jeder Stunde am Computer sollte eigentlich eine Stunde Fußball folgen und zumindest nach jeder Klassenarbeit eine Runde auf dem Schulhof rennen. Doch das stört den Schulbetrieb, scheint verlorene Zeit zu sein, die für andere Schulfächer dringend gebraucht wird.“ Früher seien die Kinder überdies nach dem Mittagsessen zum bewegungsreichen Spiel nach draußen geflüchtet. Heute aber ist „Indoor“ angesagt: Zur Entspannung werde oft der Fernseher eingeschaltet, danach geht es an den Computer und zu guter Letzt müssen auch noch die Hausaufgaben im Sitzen erledigt werden.
„Die Bewegungswelt unserer Kinder ist zur Sitzwelt geworden. Ohne Bewegung gibt es aber keine Persönlichkeitsbildung. Außerdem können durch Bewegung positive und negative Emotionen besser verarbeitet werden", betont auch Prof. Klaus Bös, Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft der Universität Karlsruhe und damals Projektleiter in Bad Homburg.
Bewegung ist ein wesentlicher Reiz für die Verknüpfung von Nervenzellen im Gehirn, der Bildung von Synapsen. Bei Geburt verfügt der Mensch über mehr als 100 Milliarden Nervenzellen, funktionsfähig werden die aber erst, wenn sie durch sinnliche Reize wie Sehen, Hören, Fühlen, aber auch Bewegung miteinander verbunden werden. Körperliche Aktivität hilft, die Verknüpfung zwischen den Nervenzellen immer komplexer zu gestalten. Auf diese Weise unterstützt Bewegung auch die geistige Entwicklung. Sportunterricht nützt, abgesehen vom Ausgleich für stundenlanges Sitzen, auch dem Lernen in den sogenannten Kopffächern wie Mathematik oder den Fremdsprachen. „Toben macht schlau", formuliert es Renate Zimmer provokativ.
Auf eine weitere Funktion des Sportunterrichts weist Dietrich Kurz, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Bielefeld, hin. „In keinem anderen Schulfach kann soziales Lernen so stattfinden, in keinem anderen Fach gibt es so vielfältige Fördermöglichkeiten“, macht der 60-Jährige deutlich. Vertrauen zueinander werde aufgebaut, die gegenseitige Akzeptanz verbessert, Rollen eingenommen. Der Sport, so Kurz, biete Kindern und Jugendlichen die Chance, Regeln und Normen des sozialen Miteinanders zu lernen.
Das Fazit eines der renommiertesten deutschen Sportwissenschaftler: „Schule ist nicht nur Lehranstalt, sondern auch Erziehungsanstalt, weil dies das Elternhaus heute nicht mehr schafft.“ Dazu leistet der Schulsport einen ganz wesentlichen Beitrag.
Schulsport-Serie
Weil Kinder und Jugendliche immer mehr sitzen, wird ihr körperlicher Zustand immer alarmierender. Die Bedeutung des Schulsports steigt. In unregelmäßiger Folge werden wir in den nächsten Wochen und Monaten den Schulsport aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten.
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