SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Meinung
Problemfall Schule
Autor: Jürgen Hoeren
Redaktion: Jürgen Hoeren
Sendung: Samstag, 13. Januar 2007, 17.50 Uhr, SWR 2
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Erinnern Sie sich noch an den 20. November 2006? Im nordrhein-westfälischen Emsdetten rächte sich ein 18jähriger an seine ehemalige Realschule, brachte fünf Rohrbomben zur Explosion, zündete zwei Rauchkörper, verletzte sechs Menschen durch Schüsse, eine Lehrerin zog sich eine Gesichtsverletzung durch eine Rauchgranate zu, 14 Menschen erlitten einen Schock. Der Täter selbst brachte sich um. Im Internet hatte er seine Tat angekündigt: doch niemand hatte die Drohung wahr - und ernst genommen. Welch eine breite Diskussion löste dieser Vorfall aus - über das Internet, über die Gewaltspiele, über die Situation an den Schulen und in den Elternhäusern. Politiker forderten eine schärfere Kontrolle der Videospiele und wie viele Appelle waren doch an die Schulen, an die Lehrer gerichtet, die Schüler mit ihren Problemen viel ernster zu nehmen, mehr auf sie einzugehen. Und was ist seitdem tatsächlich geschehen? Soweit ich das sehe nichts.
Als eine Studienrätin an einem Gymnasium in einem eher ländlichen Einzugsgebiet ihre 33 Sextaner fragte, wie viele von ihnen einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer hätten, meldeten sich über 20 Kinder. Seit Jahren wissen wir, dass Kinder und Jugendliche viel zu viel Zeit vor dem Fernseher und vor dem PC verbringen - täglich durchschnittlich mehrere Stunden. Seit vielen Jahren wissen wir, dass über das Internet nahezu für Jedermann, für jedes Alter der Zugang zu Gewaltspielen spielend leicht ist. Und wir wissen durch die vielen Pisa-Studien, dass es um die deutschen Schulen nicht gut bestellt ist. Deutschland liegt mit seinen Schulen längst nicht mehr im Spitzenbereich. In jedem Wahlkampf kündigen die Landesregierungen an, mehr für die Schulen tun zu wollen, mehr Lehrer einzustellen, den Ausfall von Stunden drastisch zu reduzieren und für Ganztagsschulen zu sorgen. Doch was geschieht wirklich? Die Klassen sind im Durchschnitt viel zu groß. Wie soll es einem Lehrer gelingen, eine Klasse mit 33 Kindern in Englisch oder Französisch zu unterrichten, möglichst in Gruppen, und dabei jedem Kind gerecht zu werden? Das Hauptproblem sind für Lehrer und Kinder die viel zu starken Klassen. Tatsache ist, dass heute die Schülerinnen und Schüler mehr Zuwendung, mehr Aufmerksamkeit der Lehrer notwendig haben. Meist sind beide Elternteile berufstätig, oftmals müssen die Kinder am Nachmittag alleine zu Hause oder bei der Oma ihre Hausaufgaben machen. In nicht wenigen Fällen gibt es Probleme - Hyperaktivität, Konzentrationsschwierigkeiten, Legasthenie. Um diese Schwächen rechtzeitig und gezielt aufarbeiten zu können, fehlen an den Schulen ausgebildete Fachkräfte wie Psychologen oder Sozialarbeiter. Doch in Baden-Württemberg beispielsweise steigt die Landesregierung gerade jetzt aus der Finanzierung der Schulsozialarbeit aus. Die kommunalen Schulträger aber sind nicht in der Lage, diese Aufgabe alleine zu finanzieren. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft fordert aber wohl zurecht, dass gerade Ganztagsschulen mindestens einen Sozialarbeiter benötigen. Und in Rheinland-Pfalz sieht es nicht besser aus. Dort fehlen, so die Lehrerverbände, mindestens 750 Lehrerstellen. Über zwei Prozent der Schulstunden fielen 2005/2006 aus. Genau daran zeigt sich der Widerspruch zwischen politischen Eintags-Reden und politischem Handeln. Alle reden davon, dass viel mehr in die Schulen investiert werden müsste, die Ausbildung sei für das Hoch-Technologie-Land das A und O, an dieser Front müsse Deutschland wieder Spitze werden. Doch wenn es um die Umsetzung geht, um Haushaltspläne, dann wird gestrichen, gespart und vertröstet.
Die Schul-Realität sieht eher triste aus. In Baden-Württemberg beispielsweise wurden die Lehrpläne geändert, die Lehrer mit neuen Büchern überschwemmt, weil das Abitur statt in neun in acht Jahren erreicht werden soll. Lehrer und Schüler sollen schneller und besser werden. Doch was zeigt uns die Lebenswirklichkeit? Schon die Sextaner müssen nachmittags in der Schule bleiben. Wie aber werden sie versorgt? An den meisten Schulen fehlt das Angebot eines Mittagstischs, es fehlt eine eigene Kantine, wo den Schülerinnen und Schülern auch so etwas wie eine Esskultur vermittelt werden könnte. Wer heute nachmittags in ein Gymnasium kommt, der reibt sich die Augen. Da stapeln sich die leeren Kartons vom Pizza-Service, da liegen die Reste von Mc Donald's in den Ecken - und es ist leicht zu erkennen, dass hier von gesunder Ernährung kaum etwas zu sehen und eine gewisse Esskultur gar nicht zu erwarten ist. Während der Mittagspause ist oftmals nur ein einziger Lehrer für die Aufsicht abgestellt. Die Klassenzimmer sind nicht selten in einem erbärmlichen Zustand. Da kein Geld vorhanden ist, wird nach Sponsoren gesucht oder die Eltern legen selbst samstags Hand an. Ich habe selbst an der Renovierung zweier Klassenzimmer mitgewirkt - und mich anschließend gefragt, ob je ein Bürgermeister oder gar ein Parlamentarier sein Büro selbst gestrichen hat.
Die Lehrer sind hoffnungslos überfordert, weil alle Schwierigkeiten, alle Neuerungen auf sie abgeladen werden. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen deuten erneut darauf hin, dass die Vielfalt der Belastungen bei Lehrern zu permanent hohen Stressreaktionen führen. 62 Prozent der Lehrkräfte scheiden vorzeitig wegen Dienstunfähigkeit aus, nur 7 Prozent arbeiten bis zur regulären Altersgrenze. Das Durchschnittsalter der Frühpensionierung liegt bei Lehrkräften bei 54 Jahren. Fast die Hälfte der Frühpensionierungen erfolgt aufgrund psychischer oder psychosomatischer Erkrankungen. Und dem gesundheitsbedingten Ausscheiden geht oftmals eine langjährige Leidenszeit voraus. Rund zwei Drittel der Lehrer mangelt es an Widerstandsressourcen, an Ausgeglichenheit und Spaß an der Arbeit - so eine neue Studie. Tatsache ist, dass die Lehrer, was ihre seelische Belastungen angeht, einen der anstrengendsten Berufe ausüben. Gerade die Lehrerinnen sind in einem hohen Maß oftmals überfordert. Denn für sie ist ein gutes Verhältnis zu Schülern und Eltern besonders wichtig. Die soziale Sensibilität ist ihre Stärke, macht sie aber auch gleichzeitig verletzlicher für Beziehungsstörungen, von denen es ja zunehmend mehr in der Schule gibt. Es ist ein grobes Vorurteil, was leider auch von manchem Politiker ungeprüft weitergetragen wird, dass Lehrersein ein lauer Job sei, weil die Lehrer ja nachmittags nichts zu tun hätten. Weit gefehlt. Ein Lehrer, der beispielsweise Englisch, Französisch oder Deutsch unterrichtet, hat nachmittags nicht frei, sondern arbeitet bis spät in die Nacht, um zu korrigieren, um den Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten, um Klassenarbeiten zu konzipieren. Nicht zu unterschätzen ist zudem, dass die am Tag aufgestauten Emotionen zu verarbeiten sind. Nicht selten sind es Ärger, Kränkung und Enttäuschung - Gefühle, die das Immunsystem schwächen. Der Psychologe Professor Uwe Schaarschmidt hat mit seinem Team 20.000 Pädagogen befragt und die größte Studie zur Lehrergesundheit in Deutschland erstellt. Die Ergebnisse sind erschütternd. Denn kaum eine andere Berufsgruppe wird so von oben gesteuert wie die Lehrer. Schaarschmidt wörtlich: "Da werden die Schulen von oben mit immer neuen Reformen, Reförmchen und Kampagnen beglückt. Denken Sie nur an die unzähligen Forderungen, denen sich die Lehrer nach Pisa ausgesetzt sahen. Die Schulen aber brauchen mehr Ruhe und Muße für eine solide Arbeit."
Tatsache ist, dass im Vergleich mit anderen europäischen Ländern in Deutschland sehr viele Kinder und Jugendliche eine Klasse wiederholen müssen. Warum steht Deutschland so schlecht da? Auch das ist eine Frage der Klassengröße, der personellen Ausstattung und der kontinuierlichen Begleitung der Schüler durch Fachpersonal. Die Schule - so von Experten und Politikern gefordert - muss wieder richtig erziehen. Richtig! Doch Erziehung braucht vor allem gut ausgebildetes Personal. In den englischen Schulen beispielsweise gibt es Hilfslehrer, die sich ganz konkret und intensiv den schwächeren Schülern widmen und sie begleiten, damit sie den Anschluss im Fach nicht verlieren. Die Klassenräume sind weitaus besser ausgestattet als in Deutschland.
Dennoch bleibt eines konstant: Wer z.B. eine Sprache lernen will, der kommt nicht daran vorbei, Vokabeln zu lernen, ja zu pauken. Nicht alles lässt sich spielerisch erlernen. Das Spielerische hat im Lernprozess auch Grenzen. Zum Lernen gehört auch Diziplin.
Fazit: Um die Schulen in Deutschland ist es alles andere als gut bestellt. Bisher hat die Verkürzung der Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahre kaum eine sichtbare und spürbare Verbesserung gebracht. Viel mehr fühlen sich Lehrer und Schüler überfordert. Für das Musische in der Freizeit z.B. Ballett, Musizieren, Engagement im Sportverein, in der Jugendgruppe bleibt den Kindern weniger Zeit denn je. In Baden-Württemberg jedenfalls erweist sich das Modell in der Realität als mangelhaft. Es fehlt den Schulen an Ausstattung, es fehlt den Schulen an Lehrern, es fehlt den Schulen an Psychologen und es fehlt den Schulen an Räumlichkeiten, die ab dem Mittag ein angemessenes Miteinander ermöglichen. Solange die Schulen so sind wie sie sind, werden Vorfälle wie in Emsdetten eher häufiger werden, - denn die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die frustriert, unverstanden, gedemütigt und verbittert ohne Abschluss ihre Schule verlassen steigt, leider.